Merlyn Solakhan und Manfred Blank: Asche und Phoenix

 

 

 

Während wir diesen Text zu schreiben begannen, jährte sich zum dritten Mal der Tod von Hermann Goltz am 9.Dezember 2010. Und so seien also diese Zeilen seinem Gedenken gewidmet. Erzählen wir von uns und unseren Reisen mit Hermann Goltz, davon, wie wir mit ihm den Film „Asche und Phoenix“ gedreht und gezeigt haben.

Prof. Goltz hat sich einst vorgenommen, eine Biographie von Johannes Lepsius zu schreiben, und das hat einen Funken geschlagen und daraus ist ein Teil eines ganzen Lebenswerks entstanden – das Lepsius-Archiv als Nukleus, als kleiner Kern, aus dem dann armenologische Arbeit, das Mesrop-Institut in Halle und das Lepsiushaus in Potsdam als Erinnerungs- und Begegnungsstätte erwachsen sind. Die Biographie hat er nicht vollenden können, sie liegt, als Skizze, vor in vielen einzelnen Aufsätzen. Einer der letzten davon ist im Zusammenhang mit unserem Film entstanden und in der Zeitschrift der Kulturstiftung des Bundes erschienen, die freundlicherweise die Entstehung des Films und seine Veröffentlichung gefördert hat.*

Lepsius hat die damalige Provinz Armenien des Zarenreichs wohl einige Male besucht während seiner diplomatischen Reisen vor dem 1. Weltkrieg, die zur Aushandlung der Autonomie-Regelungen für die Ostprovinzen des Osmanischen Reiches beitragen sollten, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt waren. Aber seine Zentren lagen woanders. Wir haben dennoch Hermann Goltz und die Sommerschule des Mesrop-Instituts im Mai 2008 nach Armenien begleitetet. Denkmäler der reichen armenischen Kultur findet man inzwischen in der Türkei verschwindend wenige. Wir mussten sie in Armenien suchen. Die Aufnahmen aus der Teppichfabrik und die wechselnden Einstellungen der fragil wirkenden weißhaarigen älteren Dame, die zur Zeit unseres Besuches jeden Tag an der Genozid-Gedenkstätte Tsitsernakaberd putzte, bilden zwei Leitmotive des Films.

 Im Juni 2008 haben wir in Friesdorf gedreht, einem kleinen Dorf am Südostrand des Harzes. Dort hatte der junge Johannes Lepsius nach seinem Aufenthalt in Jerusalem seine erste und einzige deutsche Pfarrstelle. Bei der Vorbereitung eines Gemeindefestes zu Lepsius‘ 150. Geburtstag war Hermann Goltz auf eine Sammlung historischer Photos gestoßen, zu denen sich nach unserer Ankunft im Dorf ein weiterer Packen gesellte. Sie stammten aus dem Nachlass des Friesdorfer Handwerkers Karl Otto: Etwa 150, stark verbleichte Abzüge von Glasplattenphotos , die nach der Bearbeitung mit einer photographischen Software erstaunliche Brillanz und Detailgenauigkeit gewannen. Mit ihnen wurde uns das „Dokumentaristenglück“ zuteil.

Johannes Lepsius und Margarethe, seine erste Frau, hatten schnell die Not in dem kleinen Harzdorf erkannt und eine Verdienstmöglichkeit besonders für die Frauen und Mädchen der Gemeinde errichtet: eine Manufaktur, in der Orientteppiche hergestellt werden sollten. Karl Otto war als Mechaniker zuständig für die Maschinen der Werkstatt. Ein Lehrer, der den Ideen Lepsius‘ über die soziale Verantwortung der Christen sehr nahestand, Franz Eckart, wurde Lehrer in der Schule des Ortes. Ein Bruder von Margarethe ließ sich für eine Pfarrstelle in der Nähe werben, und zwischen allen Geistlichen der Gegend entstand ein lebhafter Kontakt, der in der Gründung einer Orientmission mündete.

Lepsius hat sich in einem Aufsatz schon vor Beginn seiner Aktivitäten im Orient zu seinem Begriff der Mission geäußert: Es gehe ihm weder um die Bekehrung von Moslems noch um die von Mitgliedern der alten Ostkirchen zum Protestantismus – wie es tatsächlich einer der Schwerpunkte der amerikanischen Missionare im Osmanischen Reich gewesen zu sein scheint, Armenier zum Protestantismus zu bekehren. Im theologischen Bereich gehe es ihm um die Verbreitung der Kenntnisse über den Islam, im sozialen um die konkrete Hilfstätigkeit: karitativ, medizinisch, edukativ. Er scheint eine Ausnahme unter den Missionaren gewesen zu sein.

  Die Deutsche Orient-Mission (DOM) ist, als sie praktische Arbeit zu leisten begann und mehr wurde als der Name für einen kleinen Zirkel befreundeter Pfarrer im Mansfeldischen, das Armenische Hilfswerk gewesen. Das war gleich nach ihrer Gründung 1895, als der Beginn der Hamidischen Massaker, die man besser „Genozid vor dem Völkermord“ nennt und die ja über einen längeren Zeitraum sich erstreckten und verschiedene Phasen hatten, im Westen bekannt wurde. Es sei gleich ausdrücklich gesagt, dass Lepsius‘ Hilfswerk – nennen wir es der Einfachheit halber so – beileibe nicht das einzige war, das aktiv wurde und möglichweise nicht einmal das bedeutendste.

Im Frühsommer 1896 ist Lepsius in das Osmanische Reich gereist. Er hatte bei sich eine erkleckliche Summe Geldes aus Sammlungen bei christlichen Organisationen und war in Begleitung eines armenischen Studenten, der etliche Sprachen des Reiselandes beherrschte, James Greenfield aus der persisch-armenischen Familie Bschischkian, der sein enger Freund werden sollte und später einer der Mitbegründer der deutsch-armenischen Gesellschaft und erster Botschafter der Republik Armenien der Jahre 1919/20 in Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie stellten eigene Recherchen an zum Verlauf der Massaker und fanden in englischen und amerikanischen Missionsstationen Unterstützung für ihre Arbeit. Mit einem Teil der Hilfsgelder ließen sie in Mittelanatolien eine Hilfsstation für armenische Waisenkinder errichten. Ihre Gastgeber in den Missionen wiesen sie auf die verzweifelte Lage der Armenier in der mesopotamischen Stadt Urfa hin. Dort sind damals in der Kathedrale schätzungsweise 3.000 Armenier bei lebendigem Leibe verbrannt worden, ein Geschehen, dem eine Augenzeugin, die amerikanische Missionarin Corinna Shattuck, den Namen „Holokaust“ gibt und damit möglichweise diesen Begriff zum ersten Mal in Zusammenhang mit einem Genozid benutzt. Da ihnen in Kilikien die Weiterreise verwehrt wurde, stellten sie brieflich einen Kontakt mit Corinna Shattuck her und übernahmen, als Vorbereitung für den Aufbau einer Hilfsstation, die Kosten für die Pflege und Versorgung eines Teils der von ihr in Urfa aufgelesenen Waisenkinder.

Nach der Rückkehr hat Lepsius in Deutschland seine Recherchen zuerst in einer Artikelfolge in einer vielgelesenen Zeitschrift und dann in dem Buch „Armenien und Europa“ dokumentiert. Es erregte schnell Aufsehen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Gleichzeitig bereiste er Deutschland und die Schweiz, hielt Vorträge und sammelte Geld für sein Hilfswerk. Die politische Polizei überwachte ihn dabei, und als er bei der Kirchenverwaltung befristeten Urlaub beantragte, wurde ihm das – auf staatliche Intervention hin – verweigert. Offensichtlich sollte er unter Druck gesetzt werden. Er legte daraufhin sein Pfarramt nieder, brach also mit der Kirchenführung und stand, das war die Konsequenz, mit Frau und seinen damals sechs Kindern ohne Einkommen da.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Spätestens hier manifestiert sich eine Tradition, die einen Schatten auf Das Amt wirft. Die deutsche Politik, die auswärtige zumal, gibt seit über hundert Jahren den möglichst konfliktfreien Beziehungen zum Osmanischen Reich oder der Türkischen Republik einen höheren Stellenwert  als der Wahrheit über das Schicksal des armenischen Volkes. Dabei hätte Deutschland allen Grund, entschiedener für die Armenier Partei zu ergreifen. Die Bundestagsresolution von 2005, so spät sie gekommen ist und so wenig entschieden in vielen Einzelheiten ausgefallen, hat in einer Hauptsache etwas gesetzt, hinter das man nicht zurückgehen kann. Sie konstatiert die deutsche Mitschuld an dem, was sie nicht „Völkermord“ nennt. Dieses Bekenntnis zur Mitschuld impliziert aber auch eine besondere Verantwortung für das Opfervolk, jeder deutsche Politiker betont das bei jeder Gelegenheit, wenn es um die Vernichtung der Juden und den Staat Israel geht. Da die Faktizität des Völkermords aber erwiesen ist, muss man schon in den verwendeten Euphemismen allein einen eklatanten Verstoß gegen das Postulat dieser besonderen Verantwortung sehen. Sie geht aber noch viel weiter.          

 

Lepsius schickt 1896/97 den Friesdorfer Lehrer Franz Eckart als Leiter der Hilfsstation nach Urfa, wo er ein Waisenhaus und eine Teppichmanufaktur aufbaut. Freiwillige, besonders aus Berlin, von wo aus Lepsius dann sein Hilfswerk dirigiert, gehen mit zu seiner Unterstützung. Eine Zürcher Ärztin wird die erste Leiterin einer Krankenstation, und die Maschinen der Friesdorfer Manufaktur werden nach Urfa verschifft. Karl Otto und zwei andere Kollegen folgen den Maschinen, um sie in der mesopotamischen Manufaktur aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Aus dieser Zeit stammen die Photos, die wir in Friesdorf restaurieren durften.        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon vor der gemeinsamen Reise nach Urfa und Aleppo im September 2008 war für uns deutlich geworden, dass wir in Hermann Goltz mehr als einen wissenschaftlichen Berater gewonnen hatten. Nun wurde aus dem gegenseitigen Respekt Freundschaft.

  Als wir nach der Ankunft in der uralten Stadt am Nordrand der mesopotamischen Ebene, einem Heiligtum gleich dreier Religionen und an fünfter Stelle in der Rangliste der islamischen Pilgerstätten, aus unserem Hotel auf die Straße traten, stockte uns der Atem. Nicht wegen der Hitze, die trotz fortgeschrittener Tages- und Jahreszeit unerwartet drückend war, sondern wegen des Anblicks. Wir hatten das Hotel aus dem Führer eines türkischen Armeniers ausgesucht wegen einer sowohl kryptischen wie spannenden Anmerkung: „ehemaliges Haus eines Geistlichen.“ Und jetzt standen wir vor der Fassade einer Moschee, die zweifellos die ehemalige armenische Kathedrale war, ein gewaltiger Klotz aus dem gelblichen Naturstein, der, wie wir bei der anschließenden ersten Erkundung der Umgebung entdeckten, in große Quader geschnitten der traditionelle Baustoff war für repräsentative Gebäude in der gesamten Landschaft Mesopotamien. Wir standen mitten im alten Armenierviertel, und, wie wir jetzt wissen, hatte das jetzige Hotel einst, eben bis kurz nach 1920, gegenüber dem Portal den Vorplatz der Kathedrale begrenzt. Diesen kurzen Augenblick schildern wir so ausführlich, weil er den Takt vorgab für alles, was folgte.

Der der Zitadelle von Urfa zugewandte südliche Teil der Steigung hinauf zum Tell Fiddr, das armenische Stadtviertel eben, sieht in Teilen aus wie ein Schutthaufen, in anderen wie ein Slum, aber hinter mancher Mauer aus schäbigsten Baumarktmaterialien verbirgt sich ein architektonisches Juwel, und wer genügend Vorwissen mitbringt, kann unzählige Entdeckungen machen. Hermann hatte aus einem 1955 in Beirut erschienenen Erinnerungsbuch von Überlebenden aus Urfa einen gezeichneten Stadtplan kopiert, der uns, neben die aktuelle Karte der Stadt gelegt, bestens zur Orientierung diente. Wir gingen daran, die Orte, die wir uns vorgenommen hatten, zu identifizieren. Die Teppichmanufaktur des Hilfswerks befand sich in einem Gebäude, das „Masbane“ genannt wurde. Von dem Menschenrechtler und Verleger Osman Köker in Istanbul hatten wir die Information, das „Masbane“ sei heute die Şehit-Nusret-Grundschule. Die historischen Photos zeigen die klassische Bauform eines orientalischen Han, was sowohl ein Gewerbehaus als auch ein Karawanserei sein kann. Lange irritierte uns der französisierende Putz und die Höhe des Gebäudes, das wir fanden, und wir mussten uns eingestehen, dass Photos und Augenschein nicht in Übereinstimmung zu bringen waren. Der überaus freundliche Schuldirektor, ein Kurde, erzählte uns von Franzosen, die zu Besuch gekommen seien, bei der Besichtigung über Teppiche erzählt hätten und in Tränen ausgebrochen seien. Diese Bemerkung  – und der Name der Schule – beseitigten unsere Zweifel. Der „Märtyrer Nusret“ ist einer der beiden Verurteilten und Hingerichteten aus den Konstantinopeler Prozessen der Jahre 1919-1922, Verantwortlicher für die Armenier-Massaker in der nordanatolischen Provinz Bayburt, bevor er zum Gouverneur von Urfa befördert wurde. Wir fanden in einem Gang der Schule eine von Schülern gefertigte Ehrentafel mit Porträt des Namenspatrons. Der Zynismus der kemalistischen Geschichtsfälschung wird in dieser Namensgebung bodenlos.

  Unsere kleine optische Irritation fand später eine einfache Erklärung, als wir bei Recherchen im Lepsius-Archiv in Erfahrung brachten, dass um 1910 ein Basler Architekt, der zu den Unterstützern des Hilfswerks gehörte, das Gebäude stark umgebaut hatte.

  Unser Gewährsmann in Urfa, Mitarbeiter einer Internetzeitung zur Stadtgeschichte, führte uns durch das Gewirr der ärmlich anmutenden Gässchen des Armenierviertels zu einem prunkvollen Haus. Es ist das Haus, in dem der deutsche Archäologe Prof. Klaus Schmidt wohnt, Leiter der Ausgrabungen am nahe gelegenen Göbekli Tepe, wo eine – vermutet man – Kultstätte zum Vorschein kommt, die in den untersten Schichten zu den ältesten der Menschheit zählt. Das Haus in Urfa wurde uns als das Deutsche Krankenhaus präsentiert. Wir konnten es anhand von Photos aus dem Lepsius-Archiv als die erste Krankenstation des Hilfswerks identifizieren, den Ort, wo Jakob Künzler, Krankenpfleger und Diakon aus Basel und einer der weiteren wichtigen Mitarbeiter von Lepsius, 1899 seine Arbeit im Orient begonnen hatte. Das eigentliche Krankenhaus ist erst einige Jahre später entstanden, jenseits des Karakoyun, eines großen Baches oder kleinen Flusses, der früher Stadt und Vorstadt und heute Altstadt und neues Stadtzentrum voneinander trennt. Das Krankenhaus ist vollständig erhalten. Die dort arbeiten, in dem jetzigen Sozialzentrum der Stadt Urfa, wissen zu erzählen, dass die Gebäude früher das „Schweizer Krankenhaus“ gewesen seien. Diese Überlieferung muss man fast korrekt nennen, wurde das Krankenhaus der Deutschen Orient-Mission doch im Wesentlichen mit Spendengeldern aus der Schweiz gebaut und nach dem 1.Weltkrieg, 1918-1922, in den Jahren der britischen und französischen Besetzung, tatsächlich als Schweizer Krankenhaus geführt. Es waren schon etliche Photographien gemacht, als uns das Personal des Zentrums auf die Notwendigkeit einer Genehmigung hinwies.

  In unserer armenischen Karte war am Ufer des Karakoyun ein Grabhügel der Opfer von 1895 eingezeichnet. Der Platz war schnell gefunden. Von einem Hügel, einem Grabhügel gar, ist aber keine Spur mehr zu sehen. Das Gelände ist planiert und einbetoniert und bedeckt von einer großen Tankstelle. Hermann Goltz erzählte uns, dass die Juden der Stadt die etwa 3.000 Leichen aus der Kathedrale hier hätten begraben müssen. Die örtlichen Vertreter der Regierung des Sultans Abdulhamid II.  – die Drahtzieher der Massaker – hatten so bei der Beseitigung der Opfer ihrer Verbrechen nicht nur demonstriert, wie weit ihre Macht reichte, sondern auch, was mit den nächsten möglichen oder auch nur vermeintlichen Aufmüpfigen geschehen würde.

  Der Tankstelle gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, steht das Gebäude der örtlichen Militärkommandantur, mit einem großen Parkplatz voll von Militärlastwagen auf der anderen Straßenseite. Daran schließen sich links und rechts riesige abgezäunte Areale an. Ein zugemauertes Tor in der Mauer rechts weist dieses Gelände als ehemalige Kaserne aus, so ist es auch im aktuellen Stadtplan verzeichnet. Hinter dem anderen Zaun können wir ein zu der Seite des Schweizer Krankenhauses hin offenes Geviert von starken Gewölben ausmachen. Früher muss es da mindestens noch ein weiteres Stockwerk außer dem einen erhaltenen gegeben haben; und das Geviert muss zu der Straße hin, an der wir durch den Zaun starren, einst geschlossen gewesen sein. Im Stadtplan wird dieses Areal „Millet Han“ genannt. „Millet“ hießen im osmanischen Staatswesen die nichtmuslimischen per Sultansferman anerkannten Religionsgemeinschaften. Wir hatten also das Gewerbehaus der Armenischen Gemeinde gefunden, das etwa seit dem Jahr 1901 an die Orient-Mission vermietet war und die Waisenkinder, die auf mehrere kleine Häuser in der Stadt verteilt waren, dort in der Vorstadt zusammen brachte. 1903 kam hier die Dänin Karen Jeppe an, nachdem sie sich in ihrer Heimat für die Sache der Armenier begeistert und in Berlin bei Lepsius sich um die Mitarbeit im Hilfswerk beworben hatte. Sie war Lehrerin gewesen, eine talentierte Mathematikerin und tief gläubige Christin, und, neben ihrer Arbeit als Leiterin des Waisenhauses, systematisierte sie die Schule des Hilfswerks und die Handwerkerausbildung in den verschiedenen Werkstätten. Sie muss eine charismatische und gleichwohl sehr empfindsame Frau gewesen sein. Unter den Armeniern in Syrien und der Levante wird sie bis heute fast wie eine Heilige verehrt. Ihr Adoptivsohn Misak und seine Frau Lucia, beide Zöglinge aus dem Waisenhaus in Urfa, gehören zu den zentralen Figuren des Überlebenskampfs der Armenier in der Aleppo-Gegend nach dem Völkermord.

  Wir waren entschlossen, das eingezäunte und abgesperrte Gelände des ehemaligen Waisenhauses aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Mehrere Tage strichen wir, wann immer Zeit war, um die Zäune und Mauern herum. Wir sahen: Die Hintertür einer Autowerkstatt, deren Betreiber sich in den verfallenden Resten des angrenzenden Gewölbes einen Lagerraum eingerichtet hatten, führte direkt in den hinteren Teil des Millet Han. Eines Morgens, als die Luft rein war, marschierten wir mit Kamera und Mikrophon hinein und durch die ganze Flucht der Gewölbe und über eine alte Treppe hin und zurück auf den Decken der Gewölbe, eine ganze Kassette lang.

  Das war einst ein Karawanserei gewesen, eine Reihe von Gemäuern als Schutz für Mensch, Tier und Waren auf dem Weg zwischen dem Mittelmeer und den Metropolen im Zweistromland. Die Kinder und die Werkstätten haben diese Räume gerade einmal anderthalb Jahrzehnte beherbergt. Nach Beginn des ersten Weltkriegs konnte Karen Jeppe, abgeschnitten von den Geldanweisungen aus Europa, nur noch soviel Kinder betreuen, wie die Gewinne der Werkstätten ernähren konnten. 1915 wurde der größte Teil des Geländes von der Armee requiriert und als Durchgangslager zuerst für Soldaten, dann für deportierte Armenier genutzt, bis Karen Jeppe, wegen der um sich greifenden Seuchen, das Waisenhaus ganz schließen musste. Sie ist im Millet Han der Engel der Deportierten geworden, hat ihnen, soweit es ihre finanziellen Mittel und ihre Kräfte erlaubten, Nahrung verschafft und sie gepflegt und hat die Armenier von Urfa und die letzten ihrer Kinder sterben sehen oder aufbrechen auf die Todesmärsche. Sie hat von ihnen, so viele sie konnte, versteckt, bis sie fliehen konnten – in dem Arzthaus des Hilfswerks, das sie zu der Zeit bewohnte und das es nicht mehr gibt, verschwunden im Neubau der türkischen Universitätsklinik, oder bei ihrer Hütte auf dem Land, ihrem Weinberg. Bis sie im Jahr 1917 einen Nervenzusammenbruch erlitt und Jakob Künzler sie nach Konstantinopel brachte, von wo aus sie nach Dänemark zurückkehrte. Nach ihrer Genesung hat sie, ab etwa 1922, ihre Arbeit für die Armenier in Aleppo fortgesetzt. Diese Geschichte der Gemäuer jenseits des Karakoyun ist in Urfa unbekannt.

 

Wir fuhren eine knappe Stunde mit dem Taxi zur syrischen Grenze. Wir hatten einen armenischen Freund in Deutschland um Kontakte in Aleppo gebeten. Er hatte uns seinen Freund Armen empfohlen, und als wir mit Armen, der uns an der syrischen Grenze abholte, beim Agha in Ain Arous bei Tell Abiad waren, hatte sich schlagartig alles geändert. Dort, im Schurkenstaat, war der Spross einer Familie von Notabeln aus Urfa ein Großgrundbesitzer geworden, der uns stolz die armenische Schule und die Kirche zeigte, die er für das Dorf gestiftet hatte. Der uns von seinem 1895 massakrierten Urgroßvater erzählte und von seinem Vater, dessen Eltern zu den Opfern des Völkermords zählten. Der Vater selbst war von Beduinen versteckt worden und hatte überlebt.

  Wir saßen unter Feigen- und Granatapfelbäumen an einem Bewässerungsgraben, konnten in der flachen Ebene den kleinen Grenzfluss sehen, auf den der Agha immer deutete, wenn er über die Türkei sprach, und erinnerten uns an die absurde Situation, in der sich die Kryptoarmenier befanden, die wir kurz davor mit Armens telephonischer Vermittlung in Urfa kennengelernt hatten, an das beklemmende, traumatisierende Klima der Angst, das die Minderheiten in der Türkei bedrückt, an diese systematische Ausblendung der Wahrheit, die eine ganze Gesellschaft krank gemacht hat, nun schon seit fast hundert Jahren. Das war nicht mehr das Ergebnis einer abstrakten Analyse, das war in diesem Augenblick, in diesen Tagen, während unseres ganzen Aufenthalts in Syrien mit Händen zu greifen. Es schmerzt uns, wenn wir heute an all die freundlichen und tatkräftigen Menschen denken, die wir dort getroffen haben. Armen hat uns geschrieben: „Hier findet ein zweiter Genozid statt.“ Er hatte inzwischen in Yerevan gelebt, war dann aber wieder nach Aleppo zurückgekehrt. Vom Agha wissen wir nichts.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir sind einem Teil des Wegs nachgefahren, den der deutsche Konsul Wilhelm Litten zur Zeit der Todesmärsche in seinem Kurzschriftprotokoll festgehalten hat, das er für den Konsul Rößler in Aleppo anfertigte. Wir haben Der-es-Zor besucht, die Endstation der Märsche in der syrischen Wüste, und die Gedenkstätte Margadeh in der Nähe, wo ein großes Massengrab gefunden worden ist. Armen hat uns zusammengebracht mit Nachkommen von Überlebenden aus Urfa. Wir haben das Karen-Jeppe-Gymnasium besucht in jenem Stadtteil von Aleppo, der einst über Jahrzehnte ein großes Flüchtlingslager war und heute (bzw. bis vor kurzem) ein vorwiegend von Armeniern bewohntes Stadtquartier.

 

In Deutschland haben wir dann die Bilder, die wir aufgenommen und entdeckt hatten, ergänzt mit den komplementären Texten aus dem Lepsius-Archiv.  So entstand die Grundstruktur des Films, wie sie sich schon, fast wie von selbst, während der Dreharbeiten vorgezeichnet hatte: die einer animierten Zeitschrift, quasi eine Verfilmung der Mitteilungsblätter des Hilfswerks, die illustrierte Zeitschriften gewesen waren.

 

Im Juni 2009 ist der Film zum ersten Mal aufgeführt worden, im Filmmuseum Potsdam. Der Andrang zu dieser Premiere, wohl dank der unermüdlichen Anstrengungen des Netzwerkers Hermann Goltz, war so groß, dass etliche Gäste keine Sitzplätze mehr fanden und der Film noch in der zweiten Vorführung, die am gleichen Abend spontan angesetzt werden musste, bestens besucht war.

  Wenn wir uns an diesen Tag erinnern, wenn wir uns erinnern an die Tage, an denen wir, meist mit Hermann zusammen, den Film gezeigt haben – in Halle, Bari, Hamburg, Görlitz, Köln, Dresden, Berlin, Friesdorf, Naumburg, Paris, Damaskus, Aleppo, Kairo und wo auch immer –, wird uns der Verlust deutlich. Wir, seine Freunde, aber auch die Freunde der Armenier und die Gemeinschaft der Armenier in Deutschland, haben einen großen Gelehrten verloren, den charmantesten, geduldigsten, freundlichsten aller Vermittler und einen zutiefst aufrichtigen Menschen. Er hatte viele Pläne, wusste sie auf den Weg zu bringen und hat unendlich viel erreicht. Er fehlt uns.

 

 * Hermann Goltz' Artikel finden Sie hier. 

 

Dieser Text ist zuerst in der Festschrift "100 Jahre Deutsch-Armenische Gesellschaft", Hannover 2014, S. 172-183, erschienen.

Die St. Asdvadsadsin-Kirche ("Kathedrale") der Armenier in Urfa und der Friedhof, ca. 1900

Die ehemalige Kathedrale, heute die Selahaddini Eyyubi-Moschee

Der Hof der Teppichmanufaktur in Urfa, ca. 1897

Prof. Goltz im "Haus des Geistlichen" der alten Kathedrale, heute ein Hotel

In der Karen-Jeppe-Schule, Aleppo, mit Prof. Goltz, dem Direktor (i.d. Mitte), Merlyn Solakhan und Manfred Blank