Geschichten von Nasreddin Hodscha: Der Kessel, Standbild aus dem Film
Als mir vorgeschlagen wurde, eine Pilot-Staffel für eine Zeichentrickserie im Rahmen eines Kindermagazins im Vorabend-Programm zu machen, habe ich gleich an die Geschichten von Nasreddin Hoca gedacht (ausgesprochen: Hodscha, wörtlich übersetzt: Lehrer Nasreddin), die jeder im Orient von Kindesbeinen an kennt, und ich habe sie mir vorgestellt, in Erinnerung an die Rahmenerzählung in meinem Dokumentarfilm "Şehir / Die Stadt" und als Vorgriff auf unser Hayal-Projekt, als kleine Stücke auf dem türkischen Schattentheater. Die Erzählungen, zuerst mündlich überliefert, dann in immer umfangreicher werdenden Sammlungen publiziert, bilden, was man in der deutschen Literaturgeschichte ein Volksbuch nennt (Dr. Faustus, Till Eulenspiegel). Sie sind meist kurz, Anekdoten oder Witzen ähnlich, und handeln von einem älteren Mann, der auf skurrile, verschrobene, fast immer aber kluge Weise handelt oder spricht und wie der Narr Eulenspiegel seine Mitmenschen freundlich düpiert oder nachdenklich werden lässt. Weil es dort ein Grabmal (türbe) mit diesem Namen gibt, wird Nasreddin Hoca meist als ein seltsamer Gelehrter aus Akşehir in Mittelanatolien angesehen, der im 13./14. Jahrhundert gelebt haben soll; aber in anderen islamisch geprägten Gegenden, vom Balkan bis nach China, werden seine Geschichten, als die von Molla/Mullah Nasreddin, einem witzigen Dorfgeistlichen, weitererzählt und neu erfunden.

Wir haben uns von Sibylle Hofter, nach Vorbildern aus dem traditionellen türkischen Schattentheater (Karagöz-Spiel) mit modernen Materialien Figuren entwerfen und herstellen lassen, ein Schattentheater gebaut und die sehr flachen, an Stäben befestigten halbdurchsichtigen "Puppen" hinter der weißen Leinwand agieren lassen. Peter Simonischek, der damals ein junger aufgehender Stern der Berliner Schaubühne war und noch nicht eine soignierte Legende des Burgtheaters und Träger des Europäischen Filmpreises, hatte sich freundlicherweise bereit erklärt, alle Figuren, Männlein und Weiblein, Kinder und Tiere, in allen Schrulligkeiten und Dialekten samt und sonders zu sprechen, wie im Karagöz-Spiel üblich. Die Texte der insgesamt fünf kleinen Stücke sind hier zu finden. Sie sind über viele Jahre immer wieder in der Vorabendserie Wolff und Rüffel des SFB gelaufen, aber auch in den Werberahmen-Programmen vieler anderer ARD-Anstalten. Wir haben es sehr bedauert, dass trotz des anhaltenden Erfolgs unsere Mini-Serie nicht fortgesetzt worden ist.

 

Merlyn Solakhan