Sterlin Hayden: Dreharbiten zu "Pharos of Chaos" von Wolf-Eckart Bühler und Manfred Blank
1979 / 80 überredete mich Wolf-Eckart Bühler, mein Kollege bei der Filmkritik, mit ihm ein Filmdrehbuch zu schreiben über Sterling Haydens autobiographischen Roman "Wanderer".

In diesem, seinem ersten Buch, verarbeitet der mit Filmen wie John Hustons „Asphalt Jungle“, Nicholas Rays „Johnny Guitar“ und Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ zur Legende gewordene Schauspieler den inneren Konflikt, in den er durch seinen Auftritt als „guter Zeuge“, also als Verräter, bei den Verhören des Komitees für „Unamerikanische Umtriebe“ unter Senator McCarthy und Richard Nixon geraten war. Wir waren mit dem Skript mehr oder minder fertig, als wir erfuhren, dass sich Hayden gerade in Frankreich auf einem umgebauten Lastkahn befand. Kurzerhand fuhren wir mit einer Super-8-Ausrüstung nach Besançon. Dort, zwischen der malerischen Zitadelle und den Staustufen des Flusses Doubs, fanden wir ihn, wie er sich in seinem Buch geschildert hatte: als einen Mann im Krieg mit sich selbst. Er trank, er griff zur Haschisch-Zigarette und versuchte sich immer noch klar zu werden über sich selbst, über sein Leben, über das Leben und über die Welt. Er schien auf Zuhörer gewartet zu haben, er schien auf uns gewartet zu haben. Wir redeten mit ihm und wir hörten ihm zu. Nach drei Tagen machten wir ihm den Vorschlag, dass wir in ein paar Tagen zurückkehren würden, mit einer größeren, einer professionellen Tonfilmausrüstung. Der Plan gefiel ihm, und so geschah es. Nach einer Woche, in der wir das Team um einen Kameramann erweiterten, die Ausrüstung zusammenstellten und uns von unserem Mentor Werner Dütsch die Zusicherung holten, dass wir mit dem Material eine Sendung für seine Redaktion, die Filmredaktion des WDR, realisieren können würden, waren wir zurück und drehten eine Woche lang auf und bei dem Schiff, das den Namen „Pharos of Islandia“ trug, von Hayden aber „Pharos of Chaos“ genannt wurde.

Es gibt eine Fernsehfassung mit einer Länge von 45 Minuten mit dem Titel Vor Anker - Land unter. Ein Film mit Sterling Hayden. Die fast zweistündige Kinofassung lief 1983 auf der Berlinale in der Reihe "Neue Deutsche Filme", auf dem Festival in Edinburgh und der Duisburger Filmwoche. Dann war er in Deutschland und den USA im Verleih. Alf Mayer schrieb in der Zeitschrift Medium eine enthusiastische Kritik. In der New York Times erschien ein Verriss. Ein, mittlerweile veralteter, Wikipedia-Eintrag wurde veröffentlicht.
Immer mal wieder, Laufe der folgenden fast 40 Jahre, war der Film in unabhängigen Spielstätten und Kinematheken zu sehen. Im Sommer 2018 machte das Filmmuseum München eine DCP und veröffentlichte eine DVD des Films als No. 113 der edition filmmuseum. Es folgten eine Festivalaufführung in Locarno und eine Tournee durch etliche Städte im deutschsprachigen Raum, dann durch die ganze Welt und schließlich 2019 eine Aufführung auf dem Wiener Filmfestival Viennale. Man hatte den Film wiederentdeckt. Man gab ihn im Festival Il cinema ritrovatoEr galt fortan als Filmklassiker. Im März 2020 schließlich machte die Streamingplattform Mubi (samt dem MUBI-Kanal von Amazon) ihn weltweit online zugänglich. Hier die Beurteilung eines Zuschauers, wohl ein Influencer, wie man heute sagt.

Janosch Bela Kratz on MUBI

 

A slow but intensive monologue. Captured in a very neutral and gentle way. Beautiful shots showing him in between his life. He is an open book but caged in his alcoholism at the same time. Short interventions give a good overview on his life and work. There is nor a conversation neither any discussions. They just filmed him arguing with himself. This is the most honest thing I have ever seen.

March 27, 2020

Janosch Bela Kratz auf MUBI

 

Ein langsamer, aber intensiver Monolog. Aufgenommen auf eine sehr neutrale und sanfte Weise. Schöne Einstellungen, die ihn inmitten seines Lebens zeigen. Er ist ein offenes Buch, aber zur gleichen Zeit gefangen in seinem Alkoholismus. Kurze Interventionen geben einen guten Überblick über sein Leben und seine Arbeit. Es gibt weder ein Gespräch noch irgend eine Diskussion. Sie haben ihn einfach aufgenommen, wie er mit sich selbst argumentiert. Dies ist das aufrichtigste Ding, das ich jemals gesehen habe.

27. März 2020

Auf der Website letterboxd  oder  Arthur Duponts Seite Le 7e Café werden die Besprechungen gelegentlich fast hymnisch.